Shoppen, Sinn des Lebens

15 Dec 2009 • by Natalie Aster
Die jüngsten US-Einzelhandelsdaten riefen die Fernsehbilder vom Beginn des Weihnachtsverkaufs in Erinnerung. Die haben uns dermaßen traumatisiert, dass wir sie lieber mal aufarbeiten wollen.

Wer kurzlich die Bilder von der Eroffnung des Weihnachtsverkaufs in den USA gesehen hat, dem kann angst und bange werden, nicht um die Wirtschaft, sondern um die Menschheit. Johlende erwachsende Manner und Frauen sturmen um funf Uhr morgens die Geschafte, um nach stundenlangem Anstehen das ein oder andere Schnappchen machen zu konnen. Unmittelbar nach der Ausstrahlung dieser abscheulichen Szenen parlieren US-Moderatoren im warmen Studio daruber, dass sie lieber im Netz einkaufen, da sie keine Massen mogen, um dann zum Plausch mit dem millionenschweren Vorstand der betreffenden Ladenkette zu schalten, der dem Treiben genusslich zuschaut und von tollen, geradezu unwiderstehlichen Angeboten fur 13,50 $ schwafelt.

Die Aktionare sind verzuckt, so verzuckt, dass der zyklische Konsum an der Wall Street uber die vergangenen drei Monate um fast zehn Prozent zugelegt hat. Der Konsument hat es ja - irgendwoher. Nimmt man die Gehaltsangaben aus dem US-Arbeitsmarktbericht, die sich auf einfache Arbeiter und Angestellte in der Privatwirtschaft beziehen, und deflationiert diese mit dem US-Verbraucherpreisindex fur Lohnbezieher, ergibt sich ein realer Stundenlohn auf dem Niveau von 1969.

Die Schieflage in der Einkommensverteilung ist nix Neues, schon klar. Aber nicht nur aus Sicht der Heerschar von Langzeitarbeitslosen lässt das die Debatte um die Bankboni noch zynischer und verlogener erscheinen, als sie ohnehin ist. Den Anlegern ist es egal, solange der Staat klotzt und die US-Verbraucher 128 Prozent ihres marktbasierten - private Löhne, Selbstständigeneinkünfte, Mieten, Zinsen, Dividenden - Einkommens vor Steuern auf den Kopf hauen. Wenn sich die realen Einzelhandelsumsätze pro Kopf der Bevölkerung nur alle 20 Jahre verdoppeln, wird ja wieder alles gut. Und warum auch nicht? Schließlich ist das Nettovermögen der Verbraucher nach den Anstiegen im zweiten und dritten Quartal laut Fed jetzt nur noch um läppische 12.584 Mrd. $ niedriger als vor Ausbruch der Finanzkrise 2007. Zum Glück trifft das zur Abwechslung mal nicht bloß die Armen.

Quelle: www.ftd.de